Über...

Seeing is believing

Sabine List hat die Isla Verde besucht und schildert hier Ihre Eindrücke:

Am zweiten Tag unserer Medical Mission haben wir über 40 weitere Patienten untersucht und mit den entsprechenden Medikamenten versorgt. Für Kristofe –  einem Jungen mit Ödemen und auffälligem Urintest –  haben wir die Überfahrt nach Batangas organisiert, wo er von einem Spezialisten zwischenzeitlich behandelt werden konnte. Auch für seinen Vater, der an einer offenen Tuberkulose erkrankt ist, haben wir die Behandlung sichergestellt.

Nach einer gründlichen Inventur unserer “Reiseapotheke” haben wir uns dann mit Lori und Cyril – unseren zwei kompetenten und charmanten  Sozialarbeitern der Partnerorganisation Alouette Foundation – auf den Weg gemacht, um die Familien der von uns gesponsorten Kinder zu besuchen.

Hierfür blieb uns bei den Einsätzen in den Vorjahren nie genug Zeit. Wie wichtig diese Besuche sein sollten, zeigte sich am Nachmittag. Überrascht waren wir, in welch einfachen und hygienisch zum Teil grenzwertigen Verhältnissen die Inselbewohner zum Teil lebten. Hütten aus Bambus, Feuer/Kochstellen im Haus, ein einfacher Sandboden, Plastiktüten als Kleiderschränke, Dächer, die keinem Regen dauerhaft standhalten und Zimmer, in denen fünf und mehr Menschen sich eine kleine alte schmutzige Matratze teilen. Als sanitäre Anlagen dienten Löcher im Boden in den weiter hinten liegenden Bereichen  der Hütte. Andere Familien lebten in einfach gemauerten Häusern, die in der Regel zwar nicht besser ausgestattet, aber  doch wesentlich solider waren. Ausnahmslos alle Familien, die wir besuchten, begegneten uns mit einer unvergleichbar offenen Herzlichkeit gepaart mit der aufrichtigen Dankbarkeit für die Unterstützung, die ihren Kindern bei der Ausbildung zu Teil wird.

Abends ließen wir die vergangenen beiden Tage mit kühlem (!!!) Bier Revue passieren, da wir bei unseren Familien-Besuchen einen Sari Sari (lokaler Mini-Kiosk) gefunden hatten, der abends von 6 bis 9 Uhr seinen Stromgenerator für die Kühlung von Getränken verwendet. Kühl ist zwar nicht kalt, aber Kleinigkeiten machen oft den großen Unterschied.

Unseren dritten Inseltag (Montag, 09.03.) haben wir dazu genutzt, weitere Familien auf der Insel zu besuchen. In vielen Hütten sind uns dabei bekannte Gesichter aus Deutschland begegnet: Ob auf selbstgebastelten Tafeln oder in Bilderrahmen, die Pateneltern der unterstützten Kinder nahmen stets einen Ehrenplatz in der bescheidenen Behausung ein. Für uns war es rührend  zu sehen, welche Wichtigkeit die Schulpatenschaften für die Kinder und die Familien haben und wie stolz sie sind, durch Paten gefördert zu werden. Wir haben aber auch gesehen, wie einfach die Verhältnisse sind, in denen die meisten Familien leben. Häufig werden “Zimmer” von 4 und mehr Personen als Schlafstätte genutzt, die wohl kaum mehr als 10 qm groß sind. Solche Verhältnisse würde man hierzulande wahrscheinlich kaum ein Campingwochenende durchhalten.  Sanitäre Anlagen sind nicht vorhanden, die Feuerstellen zum Kochen befinden sich innerhalb des Hauses, ein Umstand, der insbesondere im Hinblick auf die häufig diagnostizierten Asthmaerkrankungen bei den Kindern besorgniserregend ist. All diese Einblicke sind für unsere künftigen Aktivitäten wichtig und wertvoll gewesen.

Diesen Abend haben wir in der Highschool  ausklingen lassen. Hier campten alle Highschool-Schüler zum Abschluss des Schulsemesters seit Sonntag. Die Zelte, in denen sie schliefen, haben Sie am Tag zuvor aus eigens hierfür gesammelten Materialien wie Bambus gebaut. Traditionell hat jede Klasse zum Abschluss des Camps eine Musik -und Tanzperformance dargeboten, die von kreischender Begeisterung aller Anwesenden begleitet wurde. Wir waren fasziniert, von der fröhlichen Gemeinschaft und der positiven Stimmung aller Schüler und Lehrer. Alle und Alles wurde bejubelt, und zu Recht, denn sowohl die MTV- tauglichen Tanzeinlagen, als auch das freie Vortragen von Gedichten oder Liedern waren einzigartig; Tolle Bilder, an die wir auch nach unserer Rückkehr glücklich denken werden.

Knapp 9 Stunden später, am Dienstag Morgen (10.03.) fanden wir uns bereits um 7:15 wieder auf dem Campus der San Agustin Highschool ein. Der Schulalltag beginnt hier täglich um 7:00 Uhr mit dem Singen der philippinischen Nationalhymne und dem Hissen der Flagge. Es folgt eine gemeinsame tänzerische Darbietung, die von Gesang begleitet. Das Ganze wird gekrönt durch gemeinsames Fegen des Schulhofes und der Klassenräume, da alle Schülerinnen und Schüler gemeinsam die Verantwortung für ihr sauberes Umfeld tragen. Ob dies eigens für den deutschen Besuch einstudiert wurde oder hier die Regel ist, werden wir wohl nie erfahren, aber bei der Vorstellung ,wie unsere Kinder morgens um 7 die deutsche Nationalhymne tanzen und anschliessend den Schrubber im Klassenraum schwingen, kann ich mir ein Lächeln nicht verkneifen. Um 8.00 Uhr finden sich dann alle friedlich in den Klassenräumen ein, so dass der Schulunterricht beginnen kann. Wir durften einer Musik- und einer Englischstunde der 7. Klasse beiwohnen. Die Musikschüler mussten ein Musikinstrument basteln und ein eigenes Stück in Gruppenarbeit komponieren, das am Ende aufgeführt werden soll. Die Englischklasse befasste sich mit den Anforderungen an eine Personenbeschreibung, bei denen die Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens naturgemäß eher aus dem lokalen Umfeld stammten. Eine hochmotivierte Englischlehrerin und sehr disziplinierte Schüler hinterließen bei uns einen positiven und nachhaltigen Eindruck.

Begleitet von zahlreichen Müttern und Vätern mussten wir uns nun auf den Weg nach Batangas, der nächst gelegenen Hafenstadt und somit Tor zur Welt aus der Sicht eines “Verde Insulaners” machen. Es hieß also  Abschied nehmen von den fröhlichen, warmherzigen und sehr offenen Menschen der Isla Verde. In Batangas erwarteten uns bereits Lucy, unsere medizinische Koordinatorin sowie Zahnarzt Dr. Marielito Hornilla, der uns ehrenamtlich seit sechs Jahren unterstützt, zu einem ‘Working-Lunch’.

Danach haben wir uns mit den geförderten College-Studenten getroffen, die uns das College und ihre Unterkünfte zeigten und ihre Zukunftspläne mit uns teilten. Voller neuer Eindrücke reisten wir gemeinsam mit Lori und Cyril (Alouette Foundation) nach Manila zurück, um dort –  erschöpft von den zahlreichen Eindrücken –  zufrieden und müde den Tag zu beschließen.

Am Mittwoch trafen wir uns bereits früh mit Cyril, Lori und Fatima wieder, um zu den Smokey Mountains aufzubrechen, eine Slumsiedlung in den Müllbergen Manilas, in der mehr als 30.000 Menschen leben und als Müllsammler versuchen, sich eine Existenzgrundlage zu sichern. Dort unterstützt die Oberhausener gemeinnützige Stiftung “In Vino Caritas” (www.in-vino-caritas.org) rund 160 Kinder täglich durch die Gabe einer warmen Mahlzeit und die Vergabe von Stipendien für eine Schulausbildung. Erschüttert von den katastrophalen Lebensumständen der dort ansässigen Menschen und den traurigen und leeren Gesichtern wurde uns sehr schnell bewusst, dass Armut in der Stadt und Armut auf dem Land zwei völlig unterschiedliche Lebenssituationen sind. Auch hier hatten wir die Möglichkeit selbst zu sehen, wie die Menschen hier leben: In Hütten auf der Müllhalde selbst oder in mehrstöckigen dunklen und völlig verwahrlosten Häusern, zum Teil auf 15 Quadratmetern für 8-10 Personen oder auf der Straße in einer völlig toxischen Umwelt. Schwer zu begreifen, wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat: Je mehr man einerseits die Hoffnungslosigkeit im Schicksal dieser Menschen fühlt, empfindet man andererseits umsomehr Respekt und Bewunderung, was die Stiftung “In Vino Caritas” dort leistet.

Am späten Nachmittag haben wir uns schweren Herzens von unseren philippinischen Freunden der Alouette Foundation verabschiedet. Wir sind in den letzten zehn Tagen ein großes Stück näher zusammengerückt und haben unser Vertrauen in unsere Zusammenarbeit vertieft und neue Programme entwickelt, sodass wir mit einem lachenden und einem weinenden Auge Abschied bis zum nächsten Wiedersehen genommen haben.

Donnerstag Mittag haben wir die Heimreise angetreten, und sind nach 20 Reise-Stunden voller neuer Eindrücke und Ideen in Düsseldorf gelandet. Für uns alle war die Reise eine so wertvolle und inspirierende Erfahrung, bei der wir einmal mehr feststellen konnten:

SEEING IS BELIEVING!

Noch lange werden die Eindrücke des sozialen Zusammenhalts, des Gemeinschaftssinns und der Fröhlichkeit und Herzlichkeit der Menschen, die wir auf der Isla Verde und in Batangas getroffen haben, uns begleiten. Auch werden wir sicherlich hier und da innehalten, wenn wir uns ärgern oder aufregen und uns fragen, wie relativ unsere “Probleme” sind, im Vergleich zu den Lebenssituationen mancher Menschen, die wir gesehen und die ohne Unterstützung kaum eine Chance haben, den Weg in ein selbstbestimmtes und erträglicheres Leben zu finden.

Leave a Reply