Projekte: Indien

Die Organisation „Bosco- Foundation“ verhindert täglich Kinderschicksale auf der Strasse, In Arbeit oder Prostitution. Chance for growth unterstützt die Kooperation mit der Finanzierung von  Sozialarbeitern.


P ater George ist kein Mensch der lauten Töne. Fast schon in einem Nebensatz erwähnt der  Leiter des Gesamtprojektes, dass der Organisation Bosco in ca 2 Wochen die Finanzierung für ein gesamtes Team von Sozialarbeitern ausfällt, weil der bisherige Sponsor die Zusammenarbeit gekündigt hat. Wir fragen nach: Was bedeutet das konkret? Der Pater bleibt in seiner Antwort ruhig- Nun ja, ein Team seien 6 Mitarbeiter, z.T.  im „street presence Programm“ erfahren und in ihrer Aufgabe seit 2 Jahren geschult, die werde er entlassen müssen. Ein neues Team zu etablieren wird ebenso lange dauern. Wir rechnen kurz durch:

Bosco Foundation

Jeden Tag kommen auf den Bahnsteigen in Bangalore vom ersten Zug um 5 Uhr in der Früh bis Mitternacht geschätzt zwischen 40 bis 50 Kinder an, die aus den Provinzen entweder ausgerissen sind oder von ihren Eltern gezielt in die Stadt geschickt wurden ,um dort ihr Glück zu versuchen. Soll heissen: Die von ihrer Familie schlichtweg nicht mehr ernährt werden konnten. Oftmals sind die Familien auch zerbrochen und die Kinder lange Zeit geschlagen oder misshandelt worden. „Young at Risk“ werden sie im Jargon der Sozialarbeit genannt. So gefährdet wie ein Antilopenjunges inmitten eines Rudels von hungrigen Hyänen.

Nun stehen sie auf dem Bahnsteig in Bangalore und ihre fragenden Blicke machen sie schnell auffällig für Menschenhändler, Broker und Zuhälter und somit anfällig für eine Zukunft, bei der Ungewissheit noch die beste Option wäre.

IMG_0426Das Team von Bosco steht ebenfalls rund um die Uhr am Bahnsteig, versucht in Sekundenschnelle aus der herausströmenden Menschenmenge diese Kinder herauszufiltern und mit viel Fingerspitzengefühl anzusprechen. „Es ist eine Frage der Präsenz“, sagt George, wenn seine Mitarbeiter vor Ort gesehen werden, verschwinden Kriminelle sofort und lautlos und versuchen ihr Glück auf unbewachten Bahnsteigen, Bushaltestellen oder Marktplätzen.

Etwa bei 20-25 Kindern täglich gelingt es , daß diese  mit Bosco mitgehen und für die nächsten Tage eine Erstversorgung in einem der 9 Heime in Bangalore bekommen. Psychologische Hilfe und Beratung, in ca  80% gelingt das erfolgreiche Auffinden der Familie, es folgt wieder Beratung und meist innerhalb einer Woche die Reintegration in die familiären Verhältnisse.  In der überwiegenden Zahl der Fälle ist diese Strategie erfolgreich, ohne dass die Kinder ein zweites Mal aufgefunden werden. Damit es erst garnicht soweit kommt werden zusätzlich Präventivprogramme in den gefährdeten Regionen Karnatakas durchgeführt. Ein Kind, was erst garnicht in den Zug steigt ist vor den Gefahren der Stadt am besten geschützt.

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Ist die frühe Rehabilitation nicht möglich, beginnt ein komplexer und zielgerichteter Katalog von Massnahmen: Heranführung an die Beschulbarkeit, Erziehung und psychosozialer Betreuung.  Viele Unternehmen aus der Umgebung beteiligen sich materiell wie ideell an dem Gelingen des Gesamtprojektes, spendieren tagtäglich das Mittagessen, ein landesweit bekanntes Telekommunikationsunternehmen finanziert den Computerraum mit 15 Arbeitsstationen, während unseres Besuchs zeigt ein Mitarbeiter von Adobe  den Kindern die Benutzung der Videobearbeitungssoftware, der hierbei produzierte Kurzfilm ist beeindruckend. Die Kinder wirken entspannt, sind offen und interessiert, bombardieren uns mit Fragen.  Die Kommunikation in Englisch ist kein Problem. Man liest oder hört schlimme Dinge über den Menschenhandel, die einem so weit weg erscheinen, hier stehen sie unmittelbar vor uns.

Zurück zu unserer Rechnung: Wenn 1 von 3 Teams ausfällt, gehen täglich ca 6-8 Kinder einer ungewissen Zukunft entgegen, aus der es kaum ein Entrinnen gibt. Auf die Rettung als Slumdog Millionär kann man jedenfalls nicht hoffen. Wir sehen in Summe eine jährliche Menge von über zweitausend Kindern und zögern nicht lange zu tun, was wir spontan tun können:

Noch am nächsten Tag sagen wir die finanzielle Hilfe von rund 7000€ für die nächsten 12 Monate zu, damit zumindest 2 Sozialarbeiter gehalten und um diese herum eventuell ein neues Taem aufgebaut werden kann. Chance for growth freut sich auf die zukünftige Kooperation mit Bosco in Bangalore.

Artikel über das Rainbow Home aus “Der Spiegel” 38/2013: Ein Euro für ein Mädchen

Vidyanikethan

Das Schulpatenschaftsprogramm Vidyanikethan: Eine indische Organisation mit zungenbrecherischem Namen kümmert sich seit über 25 Jahren umfassend um die Bevölkerung in den Slums von Bangalore.

K eine Frage: Die Blumenketten stehen uns sehr gut. Wir fragen uns, wielange das Flechten dieses aufwendigen Kunstwerks wohl gedauert haben mag. Nun steht ein Empfangskomittee von sicherlich 15 Mitarbeitern der Foundation Vidyanikethan (man tut sich leichter, wenn man es in zwei Wörter teilt, sprich 3 mal nach: vidia- niketan. Eigentlich garnicht so schwer, aber versuch es in einer Stunde nochmal! ) am Eingang der Schule, die unschwer erkennbar in einem slumnahen Viertel am anderen Ende Bangalores gelegen ist.  Der gesamte Vorstand , einige Lehrer, so ziemlich jeder, der etwas zum Zustand und Gelingen des Projektes sagen kann, hat sich an diesem Sonntag vormittag Zeit genommen, uns persönlich kennenzulernen. Das einzige ,was an diesem schulfreien Tag fehlt, sind die Kinder.

Ursprünglich aus der Idee eines Ehepaares entstanden, Strassenkinder im eigenen Wohnzimmer zu beschulen ist innerhalb von 25 Jahren aus Vidyanikethan eine facettenreiche Organisation mit über 100 Angestellten  geworden. Stolz zeigt man uns einen gut ausgestatteten Raum, in dem auch digitales Lernen via Internet und mit Beamer möglich ist. In einem sehr informativen Powerpointvortrag bekommen wir alle Aspekte der Hilfe aufgezeigt, die Vidyanikethan leistet.

Für die flächendeckende Schulausbildung erfordert es insbesondere in den Slumregionen viel Überzeugungsarbeit, damit die Familien auf eine „Arbeitskraft“ zugunsten einer besseren Perspektive verzichten, die sogenannte „Drop-out Prävention“. Ca 200 Schüler sind es inzwischen am Hauptstandort, es könnten sicherlich fast doppelt soviel sein, allerdings ist bereits jetzt für ca 85 Schüler kein Sponsor verfügbar.

Die Ausbildung wurde mittlerweile bis zur 10. Klasse ausgeweitet und erfüllt mindestens staatliche Anforderungen. Die Schulpatenschaft wird zumeist für ein Jahr übernommen, danach müssen aufs neue Sponsoren gefunden werden, was uns recht aufwendig erscheint.

Eine Voluntärin aus Deutschland hatte uns während ihres Aufenthaltes bei Vidyanikethan im Internet gefunden und genau aus diesem Grund gezielt kontaktiert, weil wir ein analoges Modell ja bereits auf den Philippinen etabliert haben. Ein Treffen in Düsseldorf hatte uns bereits im Vorfeld der Reise neugierig gemacht. Was hier nun sehen, enttäuscht uns nicht.

Auch an anderen Standorten betreibt die Organisation mittlerweile Schulen für gesellschaftliche Randgruppen: Kinder von Müttern, die mit Prostitution Ihr Geld verdienen, Kinder, die mühsam aus Ihrer Beschäftigung zB in Fabriken herausgeholt werden müssen, wie so oft insbesondere Mädchen.

Das Konzept erfordert die Unterhaltung von Unterbringungen, Finanzierung von Sozialarbeitern, psychologische Betreuung, Rehabilitation. Auf einem Bein kann man nicht stehen, geschweige denn Laufen lernen. In den ländlichen Regionen werden die Familien zudem im Erlernen eines Handwerks angelernt und durch Mikrokredite unterstützt, bis der Betrieb sich irgendwann selber trägt. Der einzige Weg in die Nachhaltigkeit der geleisteten Investitionen. „Women-empowerment“ und „Capacity-building“ -Förderung von Frauen und ihren Fähigkeiten- begegnen uns hier immer wieder. Zu guterletzt hat sich man sich den Umweltschutz auf die Fahnen geschrieben, geht verantwortungsvoll mit natürlichen Ressourcen, insbesondere Wasser um.

Chance for growth unterstützt seit Ende 2013 mittlerweile mehr als 40 Schulpatenkinder mit der Finanzierung einer Schulausbildung, wir sind gespannt, die Kinder im März 2016 besuchen zu können.

VIIO

Die Augenärzte von VIIO kämpfen um das Augenlicht bei Frühgeborenen- der mobile Charakter ist dabei Vorbild für  viele Entwicklungsländer.


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as kleine Menschlein ist kaum größer als die Hand des Untersuchers und wiegt nicht mehr als eine Tüte Milch. Der Schrei ist trotzdem beachtlich, spätestens ab dem Moment als der Techniker die Kamera zur Untersuchung der Netzhaut auf das Auge setzt. Auf dem Monitor erscheint eine Darstellung des Augenhintergrundes, von Zeit zu Zeit werden die Fotos gespeichert, nach ca 2 Minuten ist die ganze Prozedur vorbei.

Frühgeburten sind hier in Indien nicht selten, Gründe gibt’s hierfür einfach zu viele: Mangelernährung, fehlende regelmässige Schwangerschaftsuntersuchungen, Infektionen, Blutarmut, die Liste liesse sich wahrscheinlich noch fortsetzen. Die zu früh auf die Welt gekommenen sind von der Stunde Null an vielen Bedrohungen ausgesetzt. Eine Gefahr lauert in der Netzhaut des Auges, hier kann es bereits in den ersten Tagen nach der Geburt zur Einsprossung von Gefäßen mit erhöhter Gefahr von Einrissen und Netzhauteinblutungen kommen, die dann zu „irreparablen Schäden“ führen. Soll heissen: Die Kinder erblinden. Auf ca 8% schätzt Augenarzt Dr Krishna Murthy, Leiter des Programms die Rate von ROP (Retinopathy of Pre-maturity) und ist- wenngleich nicht jedes Erkrankungsstadium sofort behandelt werden muss- die häufigste Ursache von Blindheit bei Kindern.

Es ist unnötig zu betonen, dass der vollständige Verlust der Sehfähigkeit nirgendwo ein Vergnügen ist- in Ländern wie Indien kommt sie jedoch fast einem Todesurteil auf Raten gleich: Da die Gesellschaft und das staatliche Gesundheitssystem die Betroffenen nicht auffangen können, ist ein Leben in völliger Armut, sozialer Isolation und Elend vorprogrammiert. Ich jedenfalls bin in Bangalore noch keiner Fussgängerampel mit akustischem Signal begegnet, bereits mit offenen Augen und gesunden Beinen ist das Überqueren einer Strasse jederzeit ein Abenteuer.

IMG_1086VIIO nimmt sich dieser Probleme an: Seit 2007 organisiert die Organisation die wöchentliche „Visite“ auf den Neugeborenenstationen der größten Kinderhospitäler in Bangalore ,sowie in der ländlichen Umgebung. Dafür muss eine ca 120.000 USD teure Spezialkamera sicher mobil zu den verschiedenen Einrichtungen transportiert werden, die Bilder werden dann online in die Augenklinik geschickt und dort von einem auf diese Erkrankung spezialisierten Augenarzt befundet. Bei Auffälligkeiten erfolgt oftmals eine kurzfristige Nachuntersuchung oder aber die sofortige Laserbehandlung innerhalb von 24-48h. Die Finanzierung von ca 65€ für die Laserbehandlung wird hierbei garnicht erst abgewartet ,sondern ist über den Fond der Sri Keshava  Stiftung abgedeckt.Die Mission „No person shall go blind for the want of money or care“- wird hiermit effizient und zielführend umgesetzt, in einem Jahr werden ca 700-800 Kinder auf ROP untersucht.


IMG_0460Weitere Aktivitäten sind die Früherkennung der diabetesbedingten Netzhauterkrankung, Katarakt und Glaukomerkrankungen. Der mobile Truck mit kompletter Ausrüstungen fährt an 6 Tagen jede Woche die gleichen Dörfer ab, insgesamt ca 3000km.  Zwei Tage begleiten wir das Team bei allen Untersuchungen- einmal darf „Dr Sven“ sich selbst im Spiegeln des Augenhintergrundes versuchen- und sind uns einig: Insbesondere für die Kinder, und die Familien unterhalb der Armutsgrenze wird hier viel angeboten.