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Von einer Rettung in roten Tüten

Diese Situation muss selbst für die Bewohner der Isla Verde sehr ungewöhnlich sein. An Armut und einfaches Leben sind sie gewöhnt, aber die Versorgung mit den nötigsten Nahrungsmitteln war immer sichergestellt. Hunger ist hier ein eher seltener Zeitgenosse, insbesondere seitdem chance for growth zB. mit der Aktion „Kein Kind soll hungrig lernen“ Schulkindern zumindest eine warme Mahlzeit am Tag sicherstellt.

Doch in der jetzigen Situation ist vieles anders und so blickten die Bewohner mit Seeblick in letzter Zeit häufiger ungeduldig Richtung Wasser, ob sich die seit langem erhofften Fischerboote denn nun endlich am Horizont zeigen, um Nachschub zu bringen. Die meisten Bewohner der Villages müssen ja aufgrund der seit Wochen verhängten „enhanced quarantine“ in oder an ihren Hütten ausharren und sind nur kaum darüber informiert, ob sich auf hoher See etwas tut. Also bleibt ihnen nichts, als abzuwarten – sie tun dies mit bemerkenswerter Ruhe und Vertrauen in die Fügung des Schicksals.

Durch die Möglichkeiten der sozialen Netzwerke stehen viele aus dem CFG-Team in direktem Kontakt mit Patenkindern, bzw. deren Familien auf der Isla Verde. Die Hilferufe nach Grundnahrungsmitteln und Medikamenten wurden in den letzten drei Wochen unüberhörbar lauter. Zwar wurde extra ein Geldautomat auf die Insel herübergeschafft, doch selbst für die Familien, die noch Bargeld abheben können ist dieses ohne jegliche Einkaufsmöglichkeit wertlos.

In dieser Situation stellte sich in den oftmals spontan einberufenen Videokonferenzen des CFG-Boards garnicht erst die Frage des Machens– sondern mehr der Machbarkeit . Bis zum jetzigen Zeitpunkt bestanden ja keinerlei Erfahrungen mit Hilfsaktionen dieser Größenordnung.

Wie kauft man für 500 Familien ein? Finden wir zu Coronazeiten überhaupt einen Supermarkt, der die erforderlichen Mengen in dieser Größenordnung liefern kann? Wie transportiert man geschätzte 2,5 Tonnen Lebensmittel sicher und behördlich genehmigt, zunächst zum Bootsanleger in Batangas und später weiter über das Wasser, ohne dass die kleinen Boote an Ihre Belastungsgrenze kommen? Wie managed man eine geordnete und infektiologisch unbedenkliche Verteilung der Güter, ohne ein Risiko für die Bevölkerung oder die Mitarbeiter der Alouette einzugehen?

Das letzte, da waren sich im Board alle einig, was diese Insel nun braucht, ist neben Reis, Konserven und Wasser der unbemerkte und ungewollte Import von Coronaviren.

Zugegeben, auch wir haben zwischenzeitlich dran gezweifelt, ob und wie wir „den Reis auf die Insel kriegen“.

Einmal mehr zeigt sich, wie gut es ist, mit der Alouette einen Koooperationspartner zu haben, der vor Ort so lange beharrlich an der Problemlösung dranbleibt, bis schließlich möglich ist, was vorher unmöglich schien.  Behördengänge in Batangas für die Passierscheine der Strassenkontrollen, Mengen und erforderliche Güter abschätzen, Großbestellung beim Supermarkt, die technische Abwicklung einer sicheren Bezahlung, Transport und Organisation der Verteilung. Das sind die kritischen Punkte, von denen wir hier erfahren haben, die Liste der Hürden vor Ort ist sicher noch viel länger.

Zum Glück war Sozialarbeiterin Joy hierbei nicht ganz auf sich allein gestellt und konnte zum Beispiel die tatkräftige Hilfe unserer „Students“ in Anspruch nehmen, die zur Zeit bei ihren Familien auf der Insel weilen. 

Die Bilder erzählen der Aktion erzählen  mehr als wir wortreich beschreiben können:

Wie die Güter mit Muskeln, Schweiß und ein paar Mopeds den Weg vom Strand in die hoch gelegenen Dörfer finden, dann fair und diszipliniert in rote Eco-Plastiktüten umverteilt und schliesslich ausgeliefert werden. (Wer jemals für fünfhundert Familien in der Nachbarschaft die Einkäufe erledigt hat, weiß wovon die Rede ist… )

Vor allem aber, mit welcher Dankbarkeit die „red bags“ entgegen genommen werden, sichern sie den Familien doch zumindest für die nächste Zeit den Grundbedarf an Nahrungsmitteln. 

Eine Rettung in roten Tüten – vorerst.

Vielleicht gehört es zu den Erkenntnissen einer virusbedingt in Zwangsisolation gehaltenen Welt, dass  der Blick für das Wesentliche  Gesellschaften wieder näher zusammenrücken lässt. Die gestrige Operation war ein kleiner, aber geglückter Beitrag dazu. Das chance for growth Team ist es nicht unbedingt gewohnt, den Erfolg von Maßnahmen so unmittelbar zu erfahren – das Schulpatenschaftsprogramm z.B. benötigte viele Jahre, bevor es erste Früchte trug. Insofern waren die vielen Meldungen und Bilder, die uns bereits am selben Tag von der Isla erreichten, eine Abwechslung mit „Gänsehautfeeling“.

 Wir wünschen der Isla Verde weiterhin Gesundheit und vor allem erstmal „Mabuting gana!“– einen guten Appetit./ck